Manchmal finde ich das Gute nicht mehr

Manchmal finde ich das Gute nicht mehr

Wie negative Gefühle unser Gehirn vernebeln

Weißt du, was die letzte Erinnerung an meine Mutter ist? Ein Erlebnis, das alles Bisherige in den Schatten stellte.

Meine Mutter verstarb im Altenheim. Und es war so, wie man es oft in Anzeigen der Zeitungen liest: Trotz schwerer Krankheit verstarb heute plötzlich und unerwartet unsere liebe Mutter … Sie hatte Krebs, Brustkrebs mit vielen Metastasen. Irgendwann konnte ihr Körper einfach nicht mehr. Sie fiel auf dem Weg ins Badezimmer um und starb.

Unser Verhältnis war schon vorher schwierig. Aber die letzte Zeit wurden immer schlimmer. Sie war nie eine liebevolle Mutter, die Krankheit hat das noch verstärkt. Zu meinem Bruder sagte sie mal: „Wenn ich sterbe, werdet ihr euch noch wundern.“ Es war also ein Hammerschlag mit Ansage.

Kann man alte Erinnerungen zurückholen?

In diesem Artikel möchte ich nicht über ein bestimmtes schlechtes Gefühl schreiben, sondern über verschiedene schlechte Erfahrungen. Natürlich beeinträchtigen solche Rückblicke und Erinnerungen unser Leben. Aber was können wir tun? Einfach nicht mehr daran denken? Was vorbei ist, ist vorbei?

Unterdrückte negative Gefühle zehren sowohl an unserer seelischen als auch körperlichen Kraft. Sie brennen sich in unser Gedächtnis ein. Wir haben diese Erfahrungen nun mal gemacht und können die Erlebnisse und den vorhandenen Schmerz nicht einfach wegdiskutieren. Doch es lohnt sich, genauer hinzugucken.

Wie dieser Prozess bei mir ablief und wie er mein Leben positiv veränderte, erzähle ich in dieser Geschichte. Erinnerungen, die dir Mut machen sollen.

Der Tag, an dem meine Mutter starb

Es war der 20.02. 2020 um 4 Uhr. Als mein Handy klingelte, war ich im Tiefschlaf. Ohne richtig wach zu werden drückte ich das Gespräch auf der Smartwatch weg. Ich war schon fast wieder eingeschlafen, da klingelte das Festnetztelefon. Erst da begriff ich, dass es vielleicht wichtig sein könnte. „Es tut mir sehr leid Ihnen sagen zu müssen, dass Ihre Mutter gerade verstorben ist.“ Da war ich wach. In meinem Kopf flog alles durcheinander: „Es ging ihr doch in der letzten Zeit so gut?“ Nach dem Gespräch schaute ich das Telefon an und konnte gar nicht reagieren. Barfuß und im Schlafanzug stand ich im kalten Wohnzimmer und musste mich erstmal sortieren.

Ich hatte der Pflegerin gesagt, dass ich komme. Also zog ich mir etwas über und setzte mich ins Auto. An die Fahrt kann ich mich heute noch genau erinnern. Mir war immer noch kalt, trotz dicker Winterjacke. Das Lenkrad fühlte sich an wie eingefroren und alles erschien so unwirklich.

Es war dunkel, ich war allein auf der Straße, mir kamen keine Autos entgegen. Mein Körper fror immer noch und wollte zurück ins Bett. So muss sich das anfühlen, wenn man sagt, es war wie im Film. Auf der einen Seite fuhr ich den Wagen und wusste, wo ich abbiegen musste. Auf der anderen Seite war alles unrealistisch an und ich fühlte mich taub und leer.

Nachts ist das Altenheim verschlossen, sodass keine Fremden ins Haus kommen können. Ich klingelte und die Nachtschwester ließ mich rein. Die Tagschicht kam erst in zwei Stunden. Sie begleitete mich zu meiner verstorbenen Mutter, erzählte mir noch von ihrem letzten Tag und ließ mich dann allein, damit ich in Ruhe Abschied nehmen konnte. „Wir werden das Beerdigungsinstitut informieren, die melden sich dann bei Ihnen.“ Da saß ich allein im Zimmer vor dem Bett mit meiner toten Mutter. Als Krankenschwester habe ich schon verstorbenen Patienten gesehen, aber der Anblick meiner Mutter überraschte mich. Sie sah aus wie immer, nur die Haut hatte eine grauere Farbe und die Lippen war etwas bläulich. Trotzdem wirkte sie so anders. Ich fühlte mich unwohl, begriff aber langsam was passiert war.

Um kurz vor 6 Uhr war ich wieder zu Hause. An Schlaf war nicht mehr zu denken, also ging ich duschen und machte mir einen Kaffee. Endlich wurde mir warm. Bestimmt zum 17. Mal versuchte ich meinen Bruder zu erreichen. Wieder nichts. Er stellt sein Handy nachts aus.

Das Warten auf die Welle

Und dann wartete ich. Mit dem Kaffeebecher in der Hand saß ich auf dem Sofa. Es war still, draußen fuhren keine Autos und auch im Haus schienen noch alles zu schlafen. Es war immer noch etwas zu kühl, die Wohnung hatte noch nicht keine Tagestemperatur und der Kaffee wärmte meine Hände. Ich wartete. Mein Vater verstarb zwei Jahre vorher und ich wusste, dass zu der Trauer noch eine riesige Menge Arbeit auf mich zu kommt. Es ist unglaublich, was alles geregelt und organisiert werden muss. Aber es blieb ruhig. Mein Bruder meldete sich und dann wieder Stille.

Ich hatte erwartet, dass die Flut von Fragen kommt. Wie soll die Traueranzeige aussehen? Wer muss benachrichtigt werden? Wann soll die Beerdigung stattfinden? An was muss man nicht alles denken: Beerdigungsinstitut, Altenheim, Pastor und natürlich die restliche Familie informieren. Ehrlich, ein Trauerfall ist wirklich stressig.

Meine Mutter hatte schon einige Punkte ihrer Beerdigung abgesprochen. Damals saßen wir beide mit dem Bestatter zusammen und konnten vieles zu absprechen. Jetzt wartete ich auf seinen Anruf.

Ich weiß noch, wie ich auf dem Sofa saß und dachte, gleicht bricht der Sturm über mich herein. Es war, als stände ich am Strand und sehe eine riesige Welle auf mich zukommen. Diese Welle würde mich mitreißen und ich konnte nichts dagegen tun. Ich wartete, ich wusste, diese Welle kommt. Ich fühlte sie schon, aber nichts passierte.

Die Welle kommt, ganz anders als gedacht

Um 10 Uhr rief ich dann selber im Beerdigungsinstitut an. „Guten Morgen, ich bin Petra Baron und meine Mutter ist heute Nacht verstorben.“ Völlige Überraschung am anderen Ende. „Woher wissen Sie das? Wie hat man sie denn so schnell gefunden?“ Und nach einer kurzen Pause: „Oh Entschuldigung, ich möchte Ihnen natürlich mein herzliches Beileid aussprechen.“

Wie? Was? Was redet sie da? Warum sollte mich jemand suchen? Ich verstand überhaupt nichts. Die Mitarbeiterin fragte: „Das Altenheim hat angegeben, es wären keine Angehörigen bekannt. Wie haben Sie denn vom Tod Ihrer Mutter erfahren?“

„Die haben mich benachrichtigt und ich war heute früh da.“ „Oh, da haben wir eine andere Information bekommen. Wir haben gedacht, es wären keine Angehörigen bekannt. So mussten wir das an das Bürgeramt weiterleiten, damit die Sie ausfindig machen.“ Das Gespräch dauerte noch ein paar Minuten, wir machten einen Termin aus, um alles Weitere zu besprechen.

Erst hinterher begriff ich, was passiert war. Meine Mutter hatte ihre Pfleger dazu überredet, dem Bestatter mitzuteilen, dass sie keine Angehörigen kennen. Mich nicht, meinen Bruder nicht und auch ihre Schwestern nicht, die sie öfters besuchten. So reichten das Unternehmen einen Suchauftrag bei der Stadt ein. Irgendwann später hätte ich ein Schreiben bekommen, in dem ihren Tod mitteilte, zusammen mit der Aufforderung, sich um die Beerdigung zu kümmern. Alles im Beamtendeutsch und ganz förmlich, ohne Emotionen.

Zum letzten Schlag ausgeholt

Ich wusste, dass meine Mutter verbittert war. Früher war mein Vater da, an dem sie das auslassen konnte. Nach seinem Tod waren es wir Kinder. Wenn ich sie besuchte, lief es ganz ähnlich ab. Während wir uns unterhielten, dachte ich: Das läuft heute prima. Nach der Verabschiedung ging ich mit einem guten Gefühl. Aber spätestens, wenn ich die Türklinke der Haustür in der Hand hielt, schon fast weg war, rief sie mir so einen Satz hinterher. Einen Satz, der mich traf, der reichte, um mich wieder klein, schlecht und hilflos zu fühlen. Das war ihre Stärke und ich wusste nicht, was ich dagegen machen konnte.

Genauso kam mir diese Situation vor. Ich dachte: Jetzt hat sie keine Schmerzen mehr und findet ihre Ruhe. In diesem Moment holte sie noch mal ein letztes Mal aus, um mich zu treffen. Und dieser Schlag hat getroffen.

Am Ende ihres Lebens hat sie darüber nachgedacht, wie sie uns noch einmal eins auswischen kann. Sie musste in diesen Plan viel Zeit und Überredungskünste reingesteckt haben, damit der Pfleger behauptete, er kenne uns nicht.

„Wenn ich sterbe, werdet ihr euch noch wundern.“

Ich war geschockt. In meinem Kopf schrien die Gedanken: „Wie hat sie das denn geschafft?“ „Wie boshaft ist das nur?“ „Warum will sie mir mit Absicht wehtun?“ „Und wieder hat sie mir am Ende einen mitgegeben.“ „Hat sie mich nicht lieb?“

Dies war das letzte Erlebnis mit meiner Mutter. Und all diese Gedanken und Gefühle bestimmten fast zwei Jahre mein Bild von ihr. Eine wütende, verbitterte Frau, die mich gezielt verletzen wollte.

Und das machte was mit mir. Alles aus meiner Kindheit erschien in diesem Licht. Es gibt tatsächlich viele, sehr viele Situationen, die mich heute noch belasten. Es bleib ein Schmerz, eine Wut, das Gefühl, so klein und schlecht zu sein, dass sie mich schon fast zwangsläufig demütigen musste.

Und dann fand ich in einem alten Album dieses Foto:

Was macht man mit schlechten Erinnerungen?

„Was ist das denn?“ Wenn da ein rosa Kaninchen aus dem Album gesprungen wäre, hätte ich mich nicht weniger erschrocken. Diese Situation passte gar nicht in mein Bild. Es zeigt eine Seite, die ich gar nicht mehr in meinem Kopf hatte. Gab es doch schöne Momente?

Diese Frage veränderte mein Denken. Ich suchte bewusst nach schönen Momenten und netten Erinnerungen. Und tatsächlich gab es die. Nach und nach bekam das Bild von meiner Mutter neue Facetten. Und auch das machte wieder etwas mit mir.

Die negativen Bilder verschwanden natürlich nicht. Lange Zeit hatte ich zu ihrem Tod die Haltung: Jetzt kann sie mir wenigstens nicht mehr wehtun.

Heute habe ich auch andere Erinnerungen: Zum Beispiel wie wir uns beide bei einer Wanderung im Wald verliefen. Nach Stunden fanden wir eine Straße mit einer Bushaltestelle. Wir warteten fast 20 Minuten auf den Bus, stiegen ein und fingen gleich darauf an zu lachen. 200m hinter der Kurve fing die Stadt an.

Es ist wichtig für mich, für meine Gefühle und mein Selbstbild, all diese unterschiedlichen, teils widersprüchlichen Teilaspekte meiner Mutter zu kennen. Auch wenn es am Anfang echt schwer war, positive zu finden. Die negativen Emotionen überschatteten alles andere.

Aber erst wenn wir die verschiedenen Seiten zusammen fügen können, bekommen wir ein realistisches Bild. Und dieses Bild hilft uns, mit solchen Geschichten abzuschließen und die

Erlebnisse zu verarbeiten. Das braucht Zeit und bedeutet nicht, dass man alles verzeihen muss. Aber es hilft, den eigenen Frieden zu finden.

Viele Erinnerungen tun mir immer noch weh. Aber sie bestimmen nicht mehr mein Leben und meine Gefühle. Es war wirklich gemein, was sie gemacht hat, und davor gab es auch schon böse Geschichten. Aber sie war genauso eine Mutter, die immer einen praktischen Rat hatte. Und in manchen Bereichen war sie ein Vorbild. Und diese Mama vermisse ich.

Dennoch geht es mir mit meiner Geschichte gut. Wir alle haben Verletzungen aus unserer Kindheit, doch zum Glück müssen wir die nicht bis ans Lebensende mit uns herumschleppen. Heute bin ich ausgeglichen und ich zweifle nicht mehr an mir. Auch wenn ich von meiner Mutter nicht lernen konnte, wie glücklich sein geht, heute bin ich glücklich. Das kannst du auch. Und genauso wenn du deinen Kindern zeigen möchtest, wie sie noch stärker und glücklicher werden, abonniere meine App MUMS´s Secrets. Ich zeige dir, wie deine Kinder die Helden der Zukunft werden.

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Tags:
Petra Baron

Ohne den festen Willen, dass es meinen Kindern mal besser gehen soll und dass sie glücklich werden, hätte ich nicht so viel gelernt. Erst jetzt verstehe ich, dass meine Eltern mir vielleicht gerne gezeigt hätten, wie ich glücklich werde, es aber selber nicht wussten. Und das sollte sich nicht wiederholen.

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