Muss ich meine Eltern lieben?

Muss ich meine Eltern lieben?

In diesem Beitrag geht es um dein Verhältnis zu deinen Eltern. Es geht darum, wie du über deine Kindheit denkst und wie du heute damit umgehen kannst. Vielleicht hast du schon einiges darüber gehört, wie dein Mindset entstanden ist und wer deine Glaubenssätze geprägt hat. Vielleicht bist du jetzt zu dem Schluss gekommen, dass deine Eltern dir viel Ballast, unnötige Dinge und falsche Glaubenssätze mitgegeben haben. Nicht immer tun uns unsere Eltern gut. Egal, ob sie es gut gemeint haben oder ob wir ihnen gleichgültig waren.

„Was soll ich denn jetzt mit meinen Eltern machen? Jetzt, wo ich erkannt habe, dass sie mir mein Leben so schwer gemacht haben?“

Diese Fragen habe ich mir auch gestellt und nach Antworten gesucht. Und immer wieder bin ich auf den folgenden Rat gestoßen: Du musst deine Eltern lieben und ihnen verzeihen. Ich habe mich mit diesem Ratschlag echt schwer getan. Ich muss meinen Eltern dankbar sein, denn sie haben mir mein Leben geschenkt. Echt?

Meine erste Reaktion  war: „Warum soll ich dankbarsein, sie haben doch unbedingt ein Kind gewollt. Ein Kind, nicht mal unbedingt mich. Das konnten sie vorher ja nicht wissen.“

Meinen Eltern dankbar sein, das konnte ich mir nicht mal vorstellen. Wofür? Für die ständige Missachtung meiner Person und meiner Wünsche? Dafür, dass sie mich benutzten, um ihren eigenen Frust loszuwerden? Dafür, dass sie mich bestraften, sobald ich nicht das tat, was sie erwarteten? Das kann doch keiner ernst meinen.

Eine andere Sichtweise

Meine Ansichten bewegten sich erstmals, als mir klar wurde: Halte ich an meiner Wut fest, wird es nur mir schaden.

Vielleicht könnte ich sie doch einfach mal darauf ansprechenund ihnen von meinen Gefühlen erzählen. „Warum war ich nie gut genug?“ „Warum musstet ihr mich ständig demütigen?“ „Warum hattet ihr mich nur lieb, wenn ichdas tat oder sagte, was ihr wolltet?“

Meine Eltern würden es mit einer Bemerkung abtun, die mich lächerlich macht und sie gut dastehen lässt. Das hatte ich schon oft genug versucht.

Wie kam es dazu, dass wir Kinder eine seeehr lange Zeit immer das schmutzige Geschirr abwaschen mussten? Mein Bruder und ich hatten unsere Mutter mal gefragt, warum wir denn so oft für den Abwasch zuständig seien. Jetzt hätte sie antworten können, dass wir uns in einer Familie unterstützen und jedes Familienmitglied Aufgaben übernehmen sollte. Aber sie sagte: „Ach, ihr meint ihr müsstet ständig abwaschen? Das könnt ihr haben, jetzt seid ihr ganz dafür zuständig und wascht jetzt jeden Tag ab.“ Sie hatte Spaß an ihrer Antwort und mir wurde zum ersten Mal klar, dass etwas ansprechen in unserer Familie kein Weg war, der zu einer gemeinsamen Lösung oder überhaupt zu einem offenen Gespräch führen würde. Während wir in der Küche den Abwasch machten, saß sie grinsend auf dem Sofa und dachte: „Wenn die glauben, sie könnten hier etwas kritisieren, werden sie schon sehen, was sie davon haben.“ Und diese Strategie haben beide bis zum Schluss beibehalten.

Wenn ich an meiner Wut festhalte, wird mir diese schaden. Mir, nur mir. Sie wird mich zerfressen, mich hart und ungerecht machen. Auch ich würde dann irgendwann die Bedürfnisse anderer mit Füssen treten. Und ich würde das an meine Kinder weitergeben und ihr Leben genauso prägen. Jede ähnlich gelagerte Situation wird mich triggern und wieder auf die Palme bringen. Sie würden den Rest meines Lebens Macht über mich behalten.

An der Wut festzuhalten richtet also Schaden an, großen Schaden. Und zwar nur in deinem Leben. Deine Eltern werden sich das imZweifelsfall schön reden und völlig ruhig weiterleben. Ich weiß nicht, ob du mit deinen Eltern über deine Gefühle und solche Situationen reden kannst. Ein Versuch ist es vielleichtg wert. Es geht um dich, deine Famile und euer Glück. Ich wollte das nicht weitergeben. Sie hatten mir das Leben in der Vergangenheit schwer gemacht, heute werden sie das nicht mehr tun.

Also beschloss ich, die Wut loszulassen. Der Wille war da,aber ich wusste nicht wie. Und die Antwort meines Coaches damals war: „Da muss jeder seinen eigenen Weg finden.“

Wie kann ich Wut loslassen?

Dein erster Schritt in diese Richtung ist, dir einzugestehen, dass du wütend und traurig, verletzt oder enttäuscht bist. Ich weiß jetzt nicht, ob du genau die gleichen Gefühle fühlst, bei mir war das damals so. Es war gar nicht so leicht, mir das selber einzugestehen. Denn das bedeutete auch, diese Gefühle wieder zu spüren. Und ich habe geweint, habe mich wieder allein, klein und hilflos gefühlt. Aber ich habe auch bemerkt, dass es unterschiedliche Arten von Weinen gibt. Einmal kann ich vor Wut, Enttäuschung und Hilflosigkeit weinen. Aus dem Gefühl heraus, nichts dagegen tun zu können. Dieses Weinen macht den Berg an ungewollten Gefühlen in uns immer größer. Aber es gibt auch ein Weinen, welches diesen Berg verkleinert, ihn abträgt. Diese Tränen kamen, als ich mit mir selber Mitgefühl hatte und spürte, wie sehr mich all das verletzt hatte. Vom Kopf wusste ich das vorher schon, aber das zu fühlen war doch etwas anderes. Ich hatte nie die Eltern, die ich als Kind gebraucht hätte. Das ist schade und tut weh. Mir daas einzugesthen war der erste Schritt. Das Weinen war tatsächlich befreiend und nahm viel Druck von mir.

In meinen Coachings befürchten einige Teilnehmer, dass sie aus diesem „Loch“ nie wieder rauszukommen. „Was ist, wenn ich nicht mehr aufhören kann zu weinen?“

Dein Notfallplan

Bei mir war es so, dass nicht alles auf einmal über mich hereinbrach. Es kamen und kommen heute immer noch einzelne Erinnerungen hoch. Und in diesen Momenten mache ich mir klar und  bewusst, dass dies eine der Situationen aus der Vergangenheit ist.

Meine Empfehlung ist, dir als erstenSchritt eine Art „Notfallplan“ aufzustellen. Und zwar schriftlich und diesen Plan an einem Ort zu hinterlegen, an dem du ihn sofort griffbereit hast. In diesem Plan beschreibst du ganz genau, was du tust, wenn du befürchtest, in dieses Loch zu fallen und da nicht wieder raus zu kommen. Womit kannst du dich ablenken? Was tut dir gut? Womit kannst du dir eine Freude machen? Wen kannst du anrufen oder besuchen? Welche Person ist dann da für dich?

Mein Ratschlag ist nicht, dass du dich in das Meer verdrängter Gefühle stürzt und darin untergehst. Ich rate dir, dir klar zu machen, dass diese Verletzungen da sind. Und wenn eine Erinnerung kommt, diese nicht wieder klein zu reden oder zu relativieren. Wenn dir etwas weh getan hat, hat es weh getan. Ob es Absicht, ein Versehen oder ein Unfall war, ist erstmal egal. Es hat dich verletzt. Punkt.

Gib dir nicht die Schuld

Du kannst jetzt aufhören, die Schuld bei dir zu suchen, es zu relativieren oder deine Eltern in Schutz zu nehmen. Das gehört alles nicht zum ersten Schritt und ist falsch.

All das ist ein Prozess, eine Reise und wird auch seine Zeit dauern. Zum Glück ist es wie ein Sturm, der sich langsam wieder legt. Zunächstsind die Wellen so hoch, dass man Angst hat, unter zu gehen. Diese Wellen werden immer ruhiger und kleiner.

Heute kommen Erinnerungen, die mich nicht mehr aus der Bahn werfen oder umhauen. Heute sind es Erinnerungen an eine Begebenheit von früher, an etwas Vergangenes.

Heute gibt es auch wieder schöne Erinnerungen. Und das ist auch das Ziel. Denn heute kann ich erkennen, dass meine Eltern selber sehr unzufriedene und auch unglückliche Menschen waren. Doch das entschuldigt gar nichts von dem, was sie uns antaten. Ich kann es nachvollziehen, ein wenig verstehen, aber nicht entschuldigen.

Wenn du mich heute fragst, ob ich meine Eltern liebe, wüsste ich keine Antwort darauf. Ich war schon Mal bei einem klaren Nein, dann wieder Ja und jetzt denke ich, vielleicht ein bisschen. Zum Glück muss ich mich gar nicht festlegen, niemand erwartet eine Antwort, die ich in Stein meißeln muss.

Ich weiß aber, niemand muss seine Eltern lieben. Manchmal sind so schwerwiegende und schlimme Dinge passiert, da ist das einfach nicht mehr möglich. Dann ist das auch völlig in Ordnung. Vor allem mussst du dich nicht für immer festlegen. Wenn sich bei dir etwas ändert, kannst du auch eine neue Haltung annehmen. Es ist eine Entscheidung auf Zeit, für länger oder auch für kürzere Zeiträume, vielleicht auch für immer.

Als Kind waren wir auf unsere Eltern angewiesen, sie waren für unser Überleben wichtig. Aber wir werden groß und erwachsen und leben unser eigenes Leben. Und wir als Eltern sollten auch wissen, dass unsere Kinder uns nicht lieben müssen. Wer ihre Bedürfnisse ein Leben lang missachtet, sollte nicht erwarten, dass die Kinder das einfach so vergessen und als Erwachsene so tun,als wäre nie etwas gewesen.

Wie können Eltern mit Vorwürfen umgehen?

In der Kindheit wird es immer Begebenheiten geben, die Kinder nicht gut finden, die ihnen weh tun. Bei all unserer Liebe und auch mit größter Vorsicht lässt sich das nicht vermeiden.

Das können dann die Dinge sein, die uns unsere Kinder später mal vorwerfen. Wenn sie das tun, oder wenn du mit deinen Eltern sprichst, geht es vor allem darum, dass man verstanden werden möchte. Auch wenn Eltern zunächst überrascht sind, sollten sie ihre Kinder ernst nehmen, ihnen zu hören. Der größte Fehler wäre es jetzt, sich über das Gesagte lustig zu machen oder es herunter zu spielen.

Kinder können nicht verstehen, dass wir Eltern in manchem Momenten überfordert waren, selber Sorgen hatten, müde und unaufmerksam waren. Kinder wissen das nicht. Sie beziehen unsere Reaktionen auf sich selber. Das müssen wir wissen. Es liegt in unserer Verantwortung entsprechend zu handeln und zu reagieren. Zum Wohl unserer Kinder. Aus diesem Grund ist eine Reflektion der eigenen Kindheit sehr wichtig. Damit das, was uns weh getan hat, nicht an unsere Kinder weitergegeben wird.

Alles Liebe für dich, Petra

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Petra Baron

Ohne den festen Willen, dass es meinen Kindern mal besser gehen soll und dass sie glücklich werden, hätte ich nicht so viel gelernt. Erst jetzt verstehe ich, dass meine Eltern mir vielleicht gerne gezeigt hätten, wie ich glücklich werde, es aber selber nicht wussten. Und das sollte sich nicht wiederholen.

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