Vielleicht wurde ich vertauscht? Na hoffentlich.

Vielleicht wurde ich vertauscht? Na hoffentlich.

Mit 14 Jahre ist das Leben eh nicht so einfach. Ich bin in der Pubertät mit all den Zweifeln und Unsicherheiten. Bin zickig: „Lass mich in Frieden“, interessiere mich für gut aussehende amerikanische Schauspieler und hänge meine Wände mit Bravopostern voll.

In dieser Zeit kämpfen wir Mädchen mit unseren Gefühlen, wären schon gerne erwachsen und finden das Kind sein doof. Vielleicht liegt es an den Hormonschwankungen oder an dem Erwachsen werden, dass ich mir abends im Bett immer wieder die gleiche Frage stelle: „Das ist mein Leben? Das kann doch nicht richtig sein. Das darf es einfach nicht.“

In diesem Artikel geht es darum, dass wir manchmal zweifeln, feststellen, dass wir unglücklich sind, es aber nicht ändern. Warum tun wir nichts, wenn es uns nicht gut geht? Ich möchte dir zeigen, dass eine Veränderung möglich ist. Und ich erkläre, warum wir das manchmal nicht sehen oder verstehen können.

Es ist wieder einer dieser Nächte, in der ich im Bett liege und an den Tag zurückdenke. Ein ganz normaler Tag. Eigentlich alles wie immer. Morgens um kurz nach 7 Uhr klingelt mein Wecker. Zum Glück muss ich nicht sofort aufstehen. Wir wohnen ganz dicht an der Schule. Es würde fast reichen beim ersten Läuten der Pausenglocke loszugehen. Ich wäre immer noch pünktlich. So bleibt mir morgens etwas Zeit, um mich noch mal in die Decke zu kuscheln.

Wenn das Bad frei ist, springe ich unter die Dusche. Haare waschen, föhnen, anziehen, fertig. Ich bin immer noch überrascht, wie schnell das geht, trotz der langen Haare. [Heute brauche ich dafür fast doppelt so lang.]

Schule ist auch für gute Schülerinnen nicht immer schön

Zum Frühstück trinke ich immer Orangensaft, mein Bruder bekommt seinen Apfelsaft. Jeden Morgen gibt es Brot, dick mit Nutella geschmiert. Und nach den üblichen Fragen: „Was steht heute in der Schule an?“ „Schreibt ihr eine Arbeit?“, laufe ich los zur Schule. Der Weg ist so kurz, dafür lohnt es sich nicht, das Rad aus dem Schuppen zu holen.

Ich bin wirklich nicht gerne in der Schule, ich fühle mich einfach nicht wohl. Nicht, dass ich eine schlechte Schülerin bin, das Lernen fällt mir leicht. Auch habe ich Freundinnen, mit denen ich in der Pause auf dem Schulhof stehe und über so wichtige Themen diskutiere wie die Fernsehsendung gestern Abend, den neuesten Tratsch aus der Hitparade und natürlich über Jungs. Meine beste Freundin heißt Andrea. Mit ihr kann ich alles besprechen.

Jeden Tag nach Schulende, gleich nach dem Mittagessen telefonieren Andrea und ich zwei Stunden. Es gibt nur ein Telefon im Flur. Es hat zwar keine Wählscheibe mehr, aber für die Telefonrechnung wird jedes Gespräch minutengenau abgerechnet. „Ich habt euch doch gerade erst gesehen, was gibt es denn jetzt noch zu besprechen? Und warum so lange?“, mein Vater kann das überhaupt nicht verstehen. Aber das ist bei uns so, wir müssen doch nachbesprechen, was in der Klasse alles vorgefallen ist. „Hast du gesehen, Jens und Bettina sind anscheinend nicht mehr zusammen.“

Die Noten sind gut, ich habe Freundinnen und trotzdem fühle ich mich nicht wohl. Es ist eine Mischung aus Schüchternheit, Angst, etwas zu sagen und der Versuch, bloß nicht aufzufallen.

In dieser Zeit mag ich mich nicht und glaube, dass die anderen mich auch nicht mögen. Es ist ein Gefühl von klein, unbedeutend und hässlich zu sein. Und sich nicht schön zu fühlen, ist auch in diesem Alter schon schlimm und hemmt mich total.

Für die Lehrer war ich bestimmt eine tolle Schülerin: ruhig, zurückhaltend, fleißig, macht keinen Blödsinn und schreibt gute Noten.

Ist das ein Kompliment?

Mein Englischlehrer hat mich so beschrieben: „Wenn Anja in die Klasse kommt, weiß jeder, dass sie da ist. Anja ist präsent, lacht und jeder mag sie. Wenn Petra in die Klasse kommt, dauert es, bis andere merken, dass sie nett ist.“

Ich bin eher davon überzeugt, dass kaum jemand merkt, dass ich da bin. Noch überrascht es mich, wenn ich jemanden von früher treffe: „Hey, du bist doch Petra, wir waren auf der gleichen Schule.“ Die hat mich bemerkt? Und kann sich noch an mich erinnern? Ohhh.

Ich bin es gewohnt, mich so zu fühlen. Es ist normal, meine Welt ist so. Anders als die meiner Klassenkameradinnen. Die haben Spaß und erleben etwas. Ich schaue zu.

Nach der Schule essen wir zusammen. „Was gibt es Neues? Wie ist die Geschichtsarbeit ausgefallen? Hast du viele Hausaufgaben auf?“ Meine Mutter fragt schon, wie der Tag war. Aber es ist mehr eine Berichterstattung und Aufzählung von Fakten. Nach zwei drei Fakten ist ihr Interesse erloschen.

Nach dem Essen geht meine Mutter ins Wohnzimmer und legt sich aufs Sofa. Da bleibt sie meist auch für den Rest des Tages.

Warum bemerke ich das nicht?

Es überrascht mich heute noch, wie wenig bewusst mir war, dass ich unglücklich war. War es eine Gewohnheit? Bin ich nicht geeignet, glücklich zu sein? Oder habe ich es nicht verdient?

Unsere Kinder verstehen die Welt, indem sie die Erwachsenen beobachten. Wird sich ständig beschwert und gemeckert? Dann kann die Welt nicht positiv sein. Meine Eltern sind sehr unzufrieden und selber nicht glücklich. Wie wollen sie mir zeigen, wie glücklich sein geht? Und auch wenn sie mir das sicher wünschen, lernen kann ich das von ihnen nicht.

Wie soll ein Kind merken, dass nur die eigene Welt so aussieht?

In anderen Familien ist es anders. Wenn wir als Familie unter uns sind, zeigen sie meine Eltern wenig liebevoll oder herzlich. Es ist immer wichtig, nach außen gut auszusehen. „Was sollen die Nachbarn oder die Lehrer denken?“

Wenn wir Besuch haben, ist es ganz anders. Sie sind freundlich, lachen und erzählen Geschichten. Bei uns ist es nie unsauber und selten unordentlich. Vor jedem Besuch wird trotzdem aber die Wohnung gründlich geputzt. Sieht alles gut aus? Liegt alles an seinem Platz? Macht es einen guten Eindruck?

Eine nette Familie.

Wie kann ich ahnen, dass die Eltern bei meinen Freundinnen auch nach dem Besuch noch nett sind?

Das unfassbare schräge Abendritual

Und auch dieser Tag endet genauso wie die anderen Abende davor. Heute, in der Rückschau, bin ich immer noch fassungslos darüber. Wir sitzen alle im Wohnzimmer und schauen die TV-Sendung, die meine Eltern gerne mögen. Es gibt nur einen Fernseher und mein Vater hat die Fernbedienung. Er sitzt in seinem Sessel direkt gegenüber vom Fernseher. Er trinkt sein Bier und isst gerne Käsewürfel. Meine Mutter liegt auf dem Sofa, eingewickelt in eine Decke und oben drauf unser Hund Blacky. Der Hund ist natürlich schwarz, etwas kniehoch und ein Mischling, der meinem Vater zugelaufen ist.

Ich sitze am Fußende, meistens mit den Füßen auf der Tischkante. Auf dem kleinen Sofa sitzt mein Bruder.

Irgendwann ist es so spät, dass ich ins Bett muss. Um zu der Tür zu gelangen, muss ich um den Tisch und Papas Sessel herum. Und dann beginnt das Spiel:

„Gute Nacht.“

„Auch gute Nacht.“

Ich stehe auf und will zur Wohnzimmertür. Das ist das Signal für den Hund: Angriff! Die Haare im Nacken stellen sich auf und er fängt an zu knurren. Sobald ich fast die Tür erreicht habe, springt er kläffend vom Sofa und schnappt nach mir. Wirklich, wenn ich nicht schnell genug bin, hat er zumindest die Hose erwischt. Nicht nur meine Hosenbeine, auch mein Bruder hatte schon Löcher in der Hose.

Wenn es Zeit ist, präparieren wir uns (alles beiseite stellen, Hausschuhe an und dabei möglichst kleine Bewegungen) und starten durch. Als würden wir für Olympia trainieren: Wir rasen zur Tür, Tür auf und schnell wieder zu. Wir stehen erleichtert auf der einen Seite, auf der anderen Seite springt der Hund bellend an der Tür hoch. Es passiert ganz selten, dass Mama den Hund am Halsband festhält und wir in Ruhe aus dem Zimmer gehen können.

Wieder die gleiche Frage

Der Tag ist wieder zu Ende, ich liege im Bett und denke: „Das kann einfach nicht richtig sein.“ Unzählige Nächte habe ich den gleichen Traum: Es klingelt und eine Frau steht vor der Tür, die behauptet, man hätte mich als Baby vertauscht. Sie nimmt mich in den Arm und sagt: „Komm mit, Petra. Wir machen uns jetzt ein schönes Leben.“

Natürlich hat es nie geklingelt. Und mit der Zeit verschwand dieser Wunsch. Nicht, weil ich etwas anderes will, sondern weil ich weiß, es wird nichts passieren. Mein Leben wird sich nicht ändern.

Zum Glück ändert es sich doch

Wenn wir solange darauf hoffen, und keine Chance auf eine Veränderung oder Verbesserung sehen, dann resignieren wir. Die Hoffnung verschwindet und damit der Mut, Veränderungen selbst anzugehen. Es hat noch sehr viele Jahre gedauert, bis ich verstand, dass ich einfach nie lernte, glücklich zu sein.

Für meine Eltern schienen viele andere Dinge wichtiger. Ich fühlte mich wenig liebenswert, nicht besonders wertvoll und wusste auch nicht, wie ich für mich einstehen soll. Nicht, dass ich es nie probiert hätte. Es verlief immer erfolglos.

Einmal haben mein Bruder und ich uns beschwert, dass wir ständig das Geschirr abwaschen müssten. Für uns war das einfach zu oft. Unsere Mutter lachte und sagte: „Ihr glaubt, ihr wascht zu viel ab? Dann macht ihr das ab heute immer.“ Rumms, damit war das Thema für sie erledigt. Wir wuschen so lange das Geschirr ab, bis wir eine Spülmaschine bekamen. Und das dauerte noch einige Zeit.

Die Voraussetzungen für dein Glück und die wichtigste Erkenntnis

Doch das sind wichtige Voraussetzung für unser Glück. Meine Eltern haben ihr Weltbild und ihre Einstellungen an mich weitergegeben. Sie haben sich nie darüber Gedanken gemacht, wie das auf uns wirkt und was es für uns bedeutet. Sie haben es nicht gewusst. Ich bin mir ganz sicher, dass es nicht mit Absicht passierte, aber das kann ein Kind noch nicht erkennen. Heute verstehe ich das.

Es lag nie an mir. Egal, was ich noch versucht hätte, meine Eltern waren mit sich unzufrieden. Nichts hätte ich daran ändern können.

Das ist eine der wichtigsten Erkenntnisse in meinem Leben. Denn es bedeutet, dass ich sehr wohl wertvoll und liebenswert bin. Und das auch schon als Kind war.

Mit diesem Wissen gelang es mir, mein Selbstvertrauen aufzubauen und meine eigene Stärke zu finden.

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Tags:
Petra Baron

Ohne den festen Willen, dass es meinen Kindern mal besser gehen soll und dass sie glücklich werden, hätte ich nicht so viel gelernt. Erst jetzt verstehe ich, dass meine Eltern mir vielleicht gerne gezeigt hätten, wie ich glücklich werde, es aber selber nicht wussten. Und das sollte sich nicht wiederholen.

Vielleicht wurde ich vertauscht? Na hoffentlich.Vielleicht wurde ich vertauscht? Na hoffentlich.Vielleicht wurde ich vertauscht? Na hoffentlich.Vielleicht wurde ich vertauscht? Na hoffentlich.Vielleicht wurde ich vertauscht? Na hoffentlich.

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