Vielleicht kennst Du diesen Gedanken:
„Ich möchte, dass man mich in meinem Buch erkennt. Aber ich möchte nicht mein halbes Privatleben veröffentlichen.“
Das musst Du auch nicht.
Ein Expertenbuch wird nicht dadurch authentisch, dass Du möglichst viel Persönliches erzählst. Und eine persönliche Geschichte wird nicht automatisch wertvoll, nur weil sie wirklich passiert ist.
Die wichtigere Frage lautet:
Was leistet diese Geschichte für meinen Leser und für das Thema meines Buches?
Manchmal macht eine persönliche Erfahrung einen fachlichen Gedanken erst verständlich. Manchmal zeigt sie, warum Du heute eine bestimmte Haltung vertrittst. Und manchmal ist sie einfach nur eine schöne Geschichte, die mit dem eigentlichen Buch wenig zu tun hat.
Genau diese Unterschiede solltest Du erkennen.

Was bedeutet authentisch schreiben in einem Expertenbuch?
Authentisch schreiben bedeutet nicht, alles von Dir zu zeigen.
Es bedeutet, dass das, was Du zeigst, zu Dir, Deiner Erfahrung und Deiner fachlichen Haltung passt.
Du kannst ein sehr persönliches Buch schreiben, ohne private Details preiszugeben.
Und Du kannst ein Buch voller persönlicher Geschichten schreiben, das trotzdem erstaunlich wenig über Deine tatsächliche Haltung verrät.
Entscheidend ist deshalb nicht die Menge an Persönlichkeit.
Entscheidend ist ihre Funktion.
Eine persönliche Geschichte kann beispielsweise erklären,
- wie Du zu einer bestimmten fachlichen Überzeugung gekommen bist,
- warum Du eine verbreitete Vorgehensweise heute kritisch siehst,
- welche Erfahrung Deine Arbeitsweise verändert hat,
- woran Du selbst einmal gescheitert bist und was Du daraus gelernt hast,
- oder warum Dir ein bestimmter Aspekt Deines Themas besonders wichtig ist.
Dann erzählt die Geschichte nicht nur etwas über Dich.
Sie hilft dem Leser, Deinen fachlichen Gedanken besser zu verstehen.
Wann gehört eine persönliche Geschichte ins Buch?
Stell Dir vor, Du schreibst über Führung.
Du könntest erzählen, dass Du vor vielen Jahren Deine erste Führungsposition übernommen hast und unbedingt alles richtig machen wolltest.
Das allein ist noch keine besonders interessante Geschichte.
Spannend wird sie durch die Verbindung zu Deinem Thema:
In meiner ersten Führungsposition wollte ich unbedingt eine gute Chefin sein. Also war meine Tür immer offen. Ich hörte zu, sprang ein und versuchte, möglichst viel selbst aufzufangen. Ich hielt das für gute Führung. Irgendwann merkte ich, dass mein Team immer unselbstständiger wurde. Aus meiner Hilfsbereitschaft war eine Struktur entstanden, in der fast jede Entscheidung wieder bei mir landete.
Jetzt bekommt die Geschichte eine Aufgabe.
Sie macht sichtbar, wie eine zunächst vernünftig klingende Haltung zu einem Problem führen kann.
Anschließend kann die Autorin erklären, woran sie das erkannt hat und was sie heute anders machen würde.
Die Geschichte öffnet damit die Tür zum Fachwissen.
Persönlich ist nicht dasselbe wie privat
Diese Unterscheidung ist beim Schreiben besonders hilfreich.
Persönlich kann sein:
Ich habe lange geglaubt, dass ich Konflikte möglichst schnell lösen muss. Heute sehe ich das anders.
Dafür musst Du nicht erzählen, mit wem Du welchen Konflikt hattest, wo er stattgefunden hat und was dabei in Deinem Privatleben passiert ist.
Du kannst Deine Erfahrung, Deine Erkenntnis und Deine Haltung zeigen und trotzdem Details schützen.
Die Grenze bestimmst Du.
Eine einfache Frage hilft dabei:
Muss mein Leser dieses Detail kennen, damit die Geschichte ihre Aufgabe erfüllt?
Wenn die Antwort Nein lautet, kann es draußen bleiben.
Nicht jede wahre Geschichte muss erzählt werden
Gerade beim Schreiben passiert etwas Interessantes.
Du erinnerst Dich an Situationen, die Dich geprägt haben. Manche davon sind emotional, manche lustig, manche schmerzhaft.
Dadurch bekommen sie für Dich automatisch Gewicht.
Für Dein Buch gilt aber ein anderes Kriterium.
Eine Geschichte gehört nicht deshalb hinein, weil sie für Dich wichtig war.
Sie gehört hinein, wenn sie für diesen Leser an dieser Stelle etwas leistet.
Prüfe deshalb bei einer persönlichen Geschichte:
Was versteht mein Leser nach dieser Geschichte besser als vorher?
Wenn Du darauf keine klare Antwort findest, brauchst Du die Geschichte möglicherweise nicht.
Das kann übrigens auch für eine sehr gute Geschichte gelten.
Vielleicht gehört sie in einen Vortrag, einen Newsletter oder irgendwann in ein anderes Buch.
Nur eben nicht in dieses.
Wie Du entscheidest, was in Dein Buch gehört und was bewusst draußen bleibt, zeige ich in „Expertenbuch schreiben: Was vor dem ersten Kapitel entschieden sein muss“.
Welche persönlichen Geschichten eignen sich für ein Expertenbuch?
Es gibt einige Arten persönlicher Erfahrungen, die fachliche Inhalte besonders gut unterstützen können.
Der Moment, in dem sich Deine Sicht verändert hat
Du hast lange auf eine bestimmte Weise gearbeitet und irgendwann festgestellt: So funktioniert es nicht.
Solche Geschichten sind interessant, weil sie Deine heutige Haltung nachvollziehbar machen.
Dabei ist der entscheidende Teil nicht das Ereignis selbst.
Interessant ist die Veränderung:
Was hast Du vorher geglaubt? Was ist passiert? Was hast Du anschließend anders gesehen?
Ein eigener Fehler
Fehler können starke Beispiele sein, wenn Du sie nicht nur als dramatische Geschichte erzählst.
Interessant wird:
Warum hast Du damals so entschieden? Woran hast Du erkannt, dass es nicht funktioniert? Was würdest Du heute anders machen?
Damit gibst Du Deinem Leser mehr als die Botschaft „Auch mir passieren Fehler“.
Du zeigst ihm, was er daraus lernen kann.
Eine Erfahrung, aus der Deine Methode entstanden ist
Vielleicht gibt es einen konkreten Grund dafür, dass Du heute bestimmte Fragen stellst, einen Arbeitsschritt anders gestaltest oder eine verbreitete Methode ablehnst.
Dann kann die Entstehungsgeschichte helfen, Deine Arbeitsweise zu verstehen.
Gerade bei Expertenbüchern kann das sehr wertvoll sein.
Denn Dein Leser lernt nicht nur was Du machst, sondern auch warum.
Vorsicht bei Geschichten über andere Menschen
Persönliche Geschichten betreffen selten nur uns selbst.
Partner, Kinder, ehemalige Kollegen, Kunden oder Freunde tauchen schnell darin auf.
Und hier reicht die Frage „Bin ich bereit, das öffentlich zu erzählen?“ nicht aus.
Die andere Person kann das völlig anders sehen.
Besonders bei Kundenbeispielen solltest Du deshalb sorgfältig entscheiden, ob Du eine ausdrückliche Zustimmung brauchst oder den Fall so veränderst und anonymisierst, dass die betreffende Person nicht erkennbar ist.
Auch bei privaten Geschichten gilt:
Deine Geschichte kann gleichzeitig die Geschichte eines anderen Menschen sein.
Das solltest Du beim Schreiben mitdenken.
Darf ich persönliche Geschichten verändern?
Du musst nicht jede Szene wie ein Protokoll wiedergeben.
Für einen fachlichen Gedanken kann es beispielsweise völlig unerheblich sein, ob ein Gespräch an einem Dienstag oder Donnerstag stattfand.
Aber es gibt einen Unterschied zwischen Verdichten und Erfinden.
Wenn Du mehrere ähnliche Erfahrungen zu einem typischen Beispiel zusammenfasst, sollte für den Leser erkennbar sein, dass es sich um ein zusammengesetztes oder beispielhaftes Szenario handelt.
Und wenn Du Details zum Schutz beteiligter Personen veränderst, kannst Du das transparent kenntlich machen.
Damit bleibt Dein Buch glaubwürdig.
Eine Geschichte braucht einen Grund, warum sie genau hier steht
Ein weiterer Punkt wird beim Schreiben häufig unterschätzt:
Selbst eine passende persönliche Geschichte kann an der falschen Stelle stehen.
Frag Dich deshalb nicht nur:
Gehört diese Geschichte in mein Buch?
Frag zusätzlich:
Warum braucht mein Leser sie genau hier?
Vielleicht soll sie einen abstrakten Gedanken konkret machen.
Vielleicht soll sie eine Frage eröffnen, die Du anschließend fachlich beantwortest.
Vielleicht zeigt sie eine Situation, anhand derer Du im nächsten Abschnitt verschiedene Möglichkeiten vergleichst.
Dann ist die Geschichte Teil der Argumentation.
Sie unterbricht das Buch nicht.
Sie arbeitet für das Buch.
Wie Du solche Inhalte in einen nachvollziehbaren Leserweg einordnest, zeige ich in „Die richtige Buchstruktur finden: So entsteht der rote Faden für Dein Expertenbuch“.
Drei Fragen für jede persönliche Geschichte
Wenn Du bereits persönliche Geschichten in Deinem Manuskript hast, kannst Du sie mit drei Fragen prüfen:
1. Was soll mein Leser durch diese Geschichte verstehen?
Kannst Du das in einem Satz beantworten?
Wenn nicht, ist die Funktion der Geschichte möglicherweise noch unklar.
2. Welche Details braucht er dafür wirklich?
Prüfe Namen, Orte, private Hintergründe und Nebenszenen.
Was davon trägt zum Verständnis bei?
Was erzählst Du nur, weil es tatsächlich so passiert ist?
3. Würdest Du Dich mit dieser Geschichte auch in fünf Jahren noch wohlfühlen?
Ein Buch bleibt.
Was heute nach einer guten Idee klingt, kann sich später sehr privat anfühlen.
Deshalb würde ich persönliche Grenzen nicht erst nach der Veröffentlichung festlegen.
Authentisch schreiben heißt auswählen
Du musst Dich in einem Expertenbuch nicht zwischen Fachlichkeit und Persönlichkeit entscheiden.
Beides kann hervorragend zusammengehen.
Aber Persönlichkeit entsteht nicht durch möglichst viele private Geschichten.
Sie zeigt sich auch darin,
welche Erfahrungen Du auswählst, welche Schlüsse Du daraus gezogen hast und welche Haltung Du heute vertrittst.
Eine persönliche Geschichte ist dann besonders stark, wenn Dein Leser anschließend nicht nur mehr über Dich weiß.
Er sollte auch mehr über das Thema verstanden haben.
Wie Du Dein Fachwissen so vermittelst, dass der Leser nicht nur Informationen bekommt, sondern sie einordnen und nutzen kann, zeige ich in „Expertenbuch verständlich schreiben: Wie Du Fachwissen für Leser übersetzt“.
Das ist für mich die wichtigste Prüffrage:
Erzählt diese Geschichte nur etwas über mich oder hilft sie meinem Leser, etwas zu erkennen?
Wenn sie beides kann, hat sie einen guten Grund, in Deinem Expertenbuch zu stehen.
Häufige Fragen zu persönlichen Geschichten im Expertenbuch
Muss ein Expertenbuch persönliche Geschichten enthalten?
Nein. Persönliche Geschichten sind kein Pflichtbestandteil eines Expertenbuchs. Sie sind sinnvoll, wenn sie einen fachlichen Gedanken verständlicher machen, Deine Haltung erklären oder zeigen, wie eine Erkenntnis entstanden ist.
Wie persönlich sollte ein Expertenbuch sein?
So persönlich, wie es für das Thema sinnvoll ist und sich für Dich richtig anfühlt. Persönlich zu schreiben bedeutet nicht, private Details offenzulegen. Du kannst Erfahrungen, Erkenntnisse und Haltung zeigen und bestimmte Einzelheiten trotzdem für Dich behalten.
Wie entscheide ich, ob eine Geschichte ins Buch gehört?
Frag Dich, was Dein Leser durch die Geschichte besser versteht. Gibt es darauf keine klare Antwort, ist die Geschichte möglicherweise interessant, für dieses Buch aber nicht notwendig.
Darf ich Geschichten anonymisieren?
Ja. Besonders wenn andere Personen beteiligt sind, kann Anonymisierung sinnvoll oder notwendig sein. Achte darauf, dass Personen nicht durch die Kombination verschiedener Details trotzdem identifizierbar werden. Wenn Du mehrere Fälle zu einem Beispiel verbindest oder wesentliche Details veränderst, solltest Du transparent damit umgehen.
Mehr zur Buchstrategie Intensiv
Wenn Du bereits viele Erfahrungen, Geschichten und fachliche Inhalte für Dein Buch gesammelt hast und entscheiden möchtest, was davon wirklich hineingehört und welche Aufgabe es für Deinen Leser übernimmt, findest Du hier mehr zur Buchstrategie Intensiv.