Die richtige Buchstruktur finden: So entwickelst du einen roten Faden, der Leser fesselt

Von Petra Baron

Viele Experten beginnen ihre Buchstruktur mit einer Liste von Themen.

Sie öffnen ein Dokument und schreiben alles auf, was in ihrem Buch vorkommen könnte.

Grundlagen. Methoden. Erfahrungen. Beispiele. Modelle. Übungen.


Dann wird sortiert.


Was könnte Kapitel 1 sein? Was Kapitel 2? Was passt zusammen?

Das sieht nach Buchstruktur aus.

Oft ist es aber erst einmal nur sortiertes Wissen.


Eine tragfähige Buchstruktur entsteht anders. Sie beginnt bei der Frage:

Welchen Weg muss Dein Leser durch dieses Thema gehen, damit er Dir folgen kann?


Denn Dein Leser kennt die Zusammenhänge noch nicht so wie Du.


Du kennst das Ziel. Du kennst die Abkürzungen. Und Du weißt längst, welche Gedanken miteinander verbunden sind.


Dein Leser muss diesen Weg erst gehen.

Genau dafür braucht Dein Buch einen roten Faden.


Buch schreiben mit guter Buchstruktur: Roter Faden als Grundlage für ein fesselndes Expertenbuch

Eine Buchstruktur ist mehr als ein Inhaltsverzeichnis


Ein Inhaltsverzeichnis zeigt, welche Kapitel ein Buch hat. Eine Buchstruktur beantwortet eine andere Frage:

Warum kommt dieses Kapitel genau an dieser Stelle?

Jedes Kapitel braucht eine Aufgabe.

Vielleicht muss Dein Leser zunächst verstehen, warum seine bisherigen Versuche nicht funktioniert haben.

Danach braucht er möglicherweise ein neues Verständnis seines Problems.

Erst dann ist er bereit für Deine Methode oder Lösung.

Die Reihenfolge entsteht also nicht daraus, welches Thema besonders wichtig klingt.

Sie entsteht daraus, was Dein Leser wann braucht.

Deshalb würde ich die Buchstruktur auch nicht als erste Entscheidung eines Buchprojekts entwickeln. Vorher sollte unter anderem klar sein, welches Problem Dein Buch bearbeitet, für wen Du schreibst und welchen Ausschnitt Deiner Expertise dieses Buch überhaupt braucht.

Welche Entscheidungen ich vor dem Schreiben treffen würde, findest Du ausführlicher in „Expertenbuch schreiben: Was vor dem ersten Kapitel entschieden sein muss“.


Der Leserstandort bestimmt den Anfang Deines Buches


Bevor Du entscheiden kannst, wo Dein Buch hinführt, musst Du wissen, wo es beginnt.

Und damit meine ich nicht Dein Vorwort. Ich meine den Punkt, an dem Dein Leser steht, wenn er Dein Buch aufschlägt.

  • Was weiß er bereits?
  • Was hat er schon ausprobiert?
  • Was versteht er noch nicht?
  • Welche Annahmen bringt er mit?
  • Welche Frage beschäftigt ihn gerade?


Nehmen wir an, Du berätst Selbstständige dabei, ihre Preise neu zu kalkulieren. Du könntest Dein Buch direkt mit Kalkulationsmodellen beginnen. Wenn Dein Leser aber überzeugt ist, dass seine Kunden bei höheren Preisen sofort abspringen, liegt sein eigentliches Problem möglicherweise noch einen Schritt davor.

Dann braucht er zunächst etwas anderes, bevor Deine Kalkulation für ihn überhaupt relevant wird.

Der Anfang Deines Buches ergibt sich deshalb aus dem Leserstandort und nicht daraus, womit Du fachlich am liebsten beginnen würdest.

Wie Du diesen Leserstandort konkret bestimmst, zeige ich in „Wie Du die richtige Zielgruppe für Dein Buch findest“.


Bestimme zuerst das Ziel des Leserwegs


Jetzt brauchst Du die andere Seite des Weges:

Wo soll Dein Leser am Ende stehen?

Das muss kein spektakuläres Versprechen sein. Vielleicht soll er eine Entscheidung treffen können, die ihm vorher schwerfiel. Vielleicht soll er ein Problem anders einordnen. Vielleicht soll er ein eigenes Vorgehen entwickeln können. Oder er soll verstehen, warum seine bisherigen Versuche immer an derselben Stelle scheitern.

Wichtig ist, dass Du den Unterschied zwischen Anfang und Ende benennen kannst.

Denn genau zwischen diesen beiden Punkten entsteht Deine Buchstruktur.

Leserstandort → notwendige Erkenntnisse und Schritte → Ziel

Damit hast Du noch keine Kapitel. Aber Du hast etwas Wichtigeres: die Logik Deines Buches.


Welche Schritte braucht Dein Leser dazwischen?


Jetzt kannst Du den Weg zerlegen. Frag Dich: Was muss mein Leser verstanden haben, bevor der nächste Gedanke für ihn Sinn ergibt? Dann: Was braucht er danach? Und danach? So entsteht Schritt für Schritt eine inhaltliche Reihenfolge.

Ein Beispiel: Angenommen, eine Beraterin möchte ein Buch für Unternehmer schreiben, die Aufgaben schlecht abgeben können. Sie könnte ihre Themen zunächst so sammeln:

  • Delegation
  • Führung
  • Vertrauen
  • Prozesse
  • Kommunikation
  • Verantwortung
  • Kontrolle


Das sind relevante Themen.

Ein roter Faden ist es noch nicht.

Aus Sicht des Lesers könnte die Logik stattdessen so aussehen:


  1. Er erkennt, warum er trotz Wachstum immer noch zu viel selbst macht.
  2. Er versteht, warum sein bisheriges Delegieren nicht funktioniert.
  3. Er unterscheidet zwischen Aufgaben abgeben und Verantwortung übertragen.
  4. Er erkennt, welche Voraussetzungen im Unternehmen dafür fehlen.
  5. Er entwickelt ein Vorgehen, mit dem Verantwortung tatsächlich übernommen werden kann.
  6. Er kann prüfen, wo er selbst wieder unnötig eingreift.

Jetzt haben die Inhalte eine Richtung. Und aus dieser Richtung lassen sich anschließend Kapitel entwickeln.


Jedes Kapitel braucht eine Aufgabe

Wenn der Leserweg steht, kannst Du daraus Kapitel ableiten. Dabei würde ich bei jedem Kapitel prüfen:

  • Was soll nach diesem Kapitel anders sein als vorher?
  • Was hat der Leser verstanden?
  • Was kann er jetzt einordnen?
  • Welche Frage ist beantwortet?
  • Und was ist dadurch als Nächstes möglich?


Wenn Du darauf keine klare Antwort findest, lohnt sich ein genauer Blick auf das Kapitel.

Vielleicht enthält es interessantes Wissen, das für diesen Leserweg nicht notwendig ist.

Vielleicht gehören zwei Kapitel zusammen.

Vielleicht fehlt zwischen zwei Kapiteln ein wichtiger Zwischenschritt.

Oder ein Kapitel steht schlicht an der falschen Stelle.

So bekommt jedes Kapitel eine Funktion innerhalb des gesamten Buches.


Der rote Faden entsteht zwischen den Kapiteln

Ein roter Faden bedeutet nicht nur, dass die Kapitel in einer vernünftigen Reihenfolge stehen. Der Leser muss auch verstehen, warum es jetzt weitergehtWenn Kapitel 3 endet und Kapitel 4 beginnt, sollte dieser Übergang inhaltlich nachvollziehbar sein. Dafür brauchst Du keine künstlichen Cliffhanger.


Viel wichtiger ist, dass eine Frage zur nächsten führt. Ein Kapitel schafft eine Erkenntnis. Aus dieser Erkenntnis ergibt sich eine neue Frage. Und genau diese Frage führt in das nächste Kapitel.

So entsteht Leserführung. Nicht durch Tricks. Sondern durch eine nachvollziehbare Gedankenfolge.


Gute Buchstruktur entscheidet auch, was draußen bleibt


Eine Struktur hilft Dir nicht nur dabei, Inhalte zu ordnen.

Sie hilft Dir auch beim Weglassen.

Gerade Experten haben meistens mehr Material, als ein Buch braucht.

Wenn Dein Leserweg klar ist, kannst Du jeden Inhalt daran prüfen:

Braucht mein Leser diesen Gedanken, um von seinem Ausgangspunkt zum Ziel zu kommen?

Wenn nicht, darf er draußen bleiben.

Auch ein fachlich spannendes Thema kann für dieses Buch falsch sein.

Das ist keine verlorene Expertise.

Es ist eine Entscheidung für ein klareres Buch.


Verständlichkeit beginnt bereits bei der Struktur


Ob ein Expertenbuch verständlich ist, entscheidet sich nicht erst bei einzelnen Sätzen.

Ein Text kann sprachlich wunderbar formuliert sein und trotzdem schwer verständlich bleiben, wenn dem Leser vorher ein entscheidender Gedankenschritt fehlt.

Experten überspringen solche Zwischenschritte leicht, weil sie die Zusammenhänge längst kennen.

Der Leser kennt sie noch nicht.

Deshalb gehört zur Strukturprüfung immer die Frage:

Habe ich irgendwo Wissen vorausgesetzt, das mein Leser an dieser Stelle noch gar nicht haben kann?

Wie Du komplexes Expertenwissen so erklärst, dass Dein Leser Deinem Gedankengang folgen kann, zeige ich ausführlicher in „Dein Expertenbuch verständlich schreiben: So wird aus Expertenwissen ein Buch, dem Leser folgen können“.


Deine Buchstruktur darf sich verändern


Eine gute Struktur ist kein Gefängnis. Beim Schreiben wirst Du möglicherweise merken, dass ein Gedanke früher erklärt werden muss. Vielleicht fehlt ein Zwischenschritt. Vielleicht funktioniert ein Kapitel an einer anderen Stelle besser. Oder Du stellst fest, dass etwas, das im Konzept wichtig erschien, im Manuskript gar nicht gebraucht wird. Dann darfst Du verändern.


Der Unterschied ist:

Du veränderst die Struktur mit einem Kriterium.

Du kannst prüfen, ob die Änderung den Leserweg verbessert.

Das ist etwas anderes, als während des Schreibens immer wieder neue Themen einzubauen und anschließend zu versuchen, daraus irgendwie ein Buch zu machen.


Fazit: Der rote Faden ist der Weg Deines Lesers


Eine gute Buchstruktur entsteht nicht dadurch, dass Du Dein Wissen möglichst ordentlich auf Kapitel verteilst.

Sie entsteht zwischen zwei Punkten:

Wo steht Dein Leser am Anfang?

und

Wo soll er am Ende stehen?

Dazwischen liegen genau die Gedanken, Erkenntnisse und Schritte, die er braucht, um diesen Weg gehen zu können.

Erst daraus entstehen Deine Kapitel.

So wird aus einer Sammlung interessanter Themen ein Buch, dessen Aufbau nachvollziehbar ist.

Und Dein Leser muss sich nicht fragen, warum Du ihm etwas erzählst.

Er kann Dir folgen.

Infos zur Buchstrategie Intensiv findest du hier. 


Häufige Fragen zur Buchstruktur


Wie finde ich die richtige Struktur für mein Expertenbuch?


Beginne nicht mit Kapitelüberschriften. Bestimme zuerst, wo Dein Leser am Anfang steht und wo er nach der Lektüre stehen soll. Überlege anschließend, welche Erkenntnisse und Schritte er dazwischen in welcher Reihenfolge braucht. Aus diesem Leserweg kannst Du Deine Kapitel ableiten.


Wie viele Kapitel sollte ein Expertenbuch haben?


Dafür gibt es keine ideale Zahl. Die Anzahl der Kapitel ergibt sich aus dem Thema und dem Leserweg. Entscheidend ist, ob jedes Kapitel eine klare Aufgabe erfüllt und den Leser einen Schritt weiterführt.


Was ist der Unterschied zwischen Buchstruktur und Gliederung?


Die Buchstruktur beschreibt die inhaltliche Logik und den Weg des Lesers durch das Buch. Die Gliederung bildet diese Logik anschließend in Kapitel und Unterkapitel ab. Deshalb ist es sinnvoll, zuerst den Leserweg zu entwickeln und daraus die konkrete Gliederung abzuleiten.


Wie erkenne ich, ob mein Buch einen roten Faden hat?


Prüfe bei jedem Kapitel, warum es an dieser Stelle steht und was der Leser danach verstanden hat, das er für den nächsten Schritt braucht. Wenn Du diese Verbindung zwischen den Kapiteln erklären kannst, ist die inhaltliche Linie erkennbar.


Buchstrategie Intensiv

Petra Baron